Manfred Lehr: Ein Leben mit und für den Fußball

Erschienen in "Der Elfer" Ausgabe Nr. 2  Jahreswechsel 1992 / 1993

 

Als 13jähriger Schüler ist er in den SV 1911 Traisa eingetreten. Ein Jahr, nachdem der 2. Weltkrieg gerade zu Ende gegangen war, man sich wieder verstärkt seinen Hobbies und Vorlieben widmete. Heute ist Manfred Lehr immer noch ins Vereinsleben eingebunden. Kaum ein Spiel, kaum ein Training, erst recht kein Arbeitseinsatz ohne ihn. Immer einen Scherz auf den Lippen, (fast) immer gut gelaunt, ist er so etwas wie der "gute Geist" der aktiven Fußballer. Dass er früher selbst einmal dem runden Leder nachgejagt ist, wissen nur wenige der Spieler, erinnern können sich, wenn überhaupt, nur die ältesten.

 

 

"Alter Sportplatz"

Wenn Manfred Lehr, der am 27. Juni 1993 60 Jahre alt wird, über seine fußballerischen Anfange nachdenkt, ist da auch ein Stück Traisaer Geschichte dabei. Denn als er nach der Schule, sofern die Hausaufgaben gemacht waren, in Richtung Sportplatz unterwegs war, dann meint er nicht das heutige Gelände, sondern den Ort, wo heute der Kiefernweg zu finden ist.

 

Dort hat er jeden Tag mit seinen Freunden gespielt, bis es dunkel wurde. Mit 13 Jahren kam dann - fast folgerichtig - der Schritt in den Verein. An seinen ersten Trainer, der aus Darmstadt kam, kann er sich noch ebenso gut erinnern wie an seine damaligen Fußbal1kameraden Walter Trautwein, Herbert Gernand, Werner Mahr, Walter Kremer oder Albert Eckel.

 

Frühe Karriere

Mit 16 Jahren kam dann der Sprung in die 1. Mannschaft, wo er aber mit seinem Altersgenossen Walter Trautwein nur hie und da zu einem Einsatz kam.

Dies lag zum einen daran, dass in der Ersten mit Georg und Ernst Valter oder Hermann Schäfer gestandene Akteure spielten, zum anderen aber auch am Reglement von damals, wonach Auswechslungen nicht gestattet waren. Auch für junge Spieler hieß das, entweder von Anfang an oder gar nicht dabei zu sein. Sein erstes Spiel durfte er 16jährig in Nieder-Beerbach bestreiten Der SV Traisa spielte seinerzeit in der A-Klasse.

Doch mit sporadischen Einsätzen war ein "Fußballverrückter" natürlich nicht zufrieden zu stellen. So kam es vor, erinnert er sich, dass er morgens bei der Jugend im Feld, anschließend bei der Reserve im Tor und zu guter Letzt bei der Ersten im Feld spielte. Gewöhnlich trat er aber in der Reserve an und war dort lieber Verteidiger als Tormann.

 

Berufliche Verpflichtungen

Von 1950 bis 1957 musste Manfred Lehr seine Fußballschuhe an den Nagel hängen. Der elterliche Betrieb (Fernverkehr) erforderte sein Engagement als Lkw-Fahrer. Nachdem das Unternehmen aufgelöst wurde, wechselte er zur Post als Arbeiter; 1967 erreichte er Beamtenstatus. Mit dem neuen Job blieb auch wieder Zeit zum Kicken in der Reserve. "Drei Jahre lang waren wir immer unter den ersten drei."

 

Bis zu seinem 40. Lebensjahr hat Manfred Lehr Sonntag für Sonntag die Fußballschuhe geschnürt, danach hat er hin und wieder ausgeholfen, wenn Not am Mann war. Dafür konnten dann die Alten Herren vermehrt auf seine Dienste zählen. Vor zwei Jahren schließlich lud der "Menne", wie er gerufen wird, zu seinem Abschiedsspiel in dem er ab und an sein Können aufblitzen ließ. Sein Kopfball an den Pfosten ärgert ihn wahrscheinlich heute noch. Manfred Lehr hatte gerufen.. und alle waren sie gekommen. Mehrere Generationen waren auf dem Spielfeld vertreten, alle hatten sie einmal für den SVT gespielt. Fragt man ihn, wer die besten Traisaer waren, die je für den SV 1911 gespielt haben, so kommt spontan die Antwort: "Ernst Peinelt und Julius Valter". Ganz früher hätten eh nur Traisaer gespielt, Wilhelrn Aßrnuth (TG Bessungen) sei der erste Auswärtige gewesen.

 

"Mädchen für alles"

Fließend war der Übergang vom Spieler zum Betreuerdasein. Vor etwa 20 Jahren hat Manfred Lehr sich zum ersten Mal für all die Arbeiten, die rund um die aktiven Mannschaften anfallen, verantwortlich gezeigt. Da müssen die Trikots gewaschen, zusammengelegt und den Akteuren vor dem Spiel zugewiesen werden. Da müssen Bälle zum Einspielen sowie ein Spielball herausgesucht und mit dem richtigen Luftdruck versehen werden. Da müssen die Schiedsrichter empfangen und zu ihrer Kabine geleitet werden. Da müssen für beide Teams die Spielberichtsbögen ausgefüllt und die Spielerpässe nach Rückennummern geordnet werden.

 

Und da muss natürlich mindestens ein Platz - bei unangenehmem Wetter im Herbst und Winter oftmals beide Plätze abgestreut werden. "Wenn ich das richtig mache, brauche ich allein zwei Stunden dafür." Den Spielberichtsbogen kann er zuhause ausfüllen, weil er die Aufstellungen nach der Mannschaftssitzung mitnimmt. Gleichzeitig ordnet er die Pässe bereits richtig ein. Fürs Zuschauen bleibt an einem Sonntag nämlich nicht mehr viel Zeit. "Wenn' s gut läuft, sehe ich die 1.Halbzeit der Reserve." Kaum ist die Zweite draußen, beginnen schon die Vorbereitungen für die Erste.

Dass es ihn im Fuß ab und zu "juckt", verhehlt der "Menne" nicht. Wenn er die körperlichen Voraussetzungen mitbrächte, würde er vielleicht noch für die Alten Herren spielen. "Böse Zungen behaupten ja, ich hätte immer noch meine Fußballschuhe im Auto." Dass dem nicht so ist, kann der 59jährige beweisen: "Die vom letzten Spiel hängen zuhause am Nagel." Natürlich hat er in mittlerweile über 45 Jahren SV 1911 Traisa auch so manches Pöstchen innegehabt. Vor zwei Jahren endete eine sechsjährige Amtszeit als Spielausschußvorsitzender. Jetzt ist er "nur noch" Betreuer und denkt, dass die Mannschaft in dieser Saison mit den Abstieg nichts zu tun haben wird. " In der Rückrunde müssen wir aber ein paar Punkte mehr holen."

 

Ehrenmitgliedschaft 1991

Und diverse Ehrungen hat eine so treue Seele natürlich auch verdient. Von der Kommune erhielt er 1976 die Kleine Kreissportplakette, der Hessische Fußballverband verlieh ihm den Ehrenbrief (1974), die Ehrennadel in Bronze (1981) und die Große Verbandsnadel (l99I). Ferner ehrte ihn der SV Traisa im Jahre 1986 für 40jährige Mitgliedschaft und erhob ihn 1991 zum Ehrenmitglied.

Miterlebt hat er in seinem langen Fußballerleben manche Höhen und Tiefen. Dem Aufstieg in die A-Klasse und in die Bezirksliga folgte der Abstieg bis hinunter in die heutige B-Klasse. Nach der vorletzten Saison hielt der Aufzug wieder an der Station A-Klasse. Bei den großen Weltreisen des Vereins hielt er sich eher zurück, war nur in Schweden und Österreich dabei.

Seit 1.März 1992 ist Manfred Lehr pensioniert. Langeweile kennt er nicht. Wenn er mal gerade nicht auf dem Sportplatz zu finden ist, verbringt er seine Zeit beim Spazierengehen mit seiner Frau. Außerdem ist er viel in Urlaub oder auf Reisen. Im Winter verbringt er regelmäßig drei Wochen in Tauern mit Skilanglauf Zum Teil sind es 20-Kilometer-Touren., die er da an einem Tag bewältigt. Ob er sich wohl dabei vom Fußball erholt?

Erik Hornung

 

 

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